Toleranz fängt da an, wo der kritische Kopf ausgeschalten wird…

Es ist Dienstagmorgen und ich sitze bei einer Tasse (naja nicht wirklich gutem) Kaffe in der Wohnung meiner Mutter. Sie kauft Ihre Kaffe Pads bei Aldi, zwar Bio aber alles andere als gut. Ich frage mich gerade selbst, warum ich dann überhaupt Kaffe trinke, wenn er mir weder schmeckt, noch zu meinen Vorstellungen eines fairen ökologischen Produktes zählt.
Kurz um; zu einem schönen Morgen gehört für mich eine Tasse Kaffee. Am liebsten, einen Espresso aus meinem eigenen kleinen Espressokocher und dem frischen Kaffee von meiner Lieblingsrösterei im „eine Welt Laden“. Mein Kaffekocher steht knapp 80km von meinem Küchentisch entfernt und als die Frage aufkam, „Kaffe“ – ja nein – da hat mein Kopf ganz laut: „Kaffe“ geschrien. Egal wie! Mit Milch geht alles! Man kann es sich auch schön denken.

Ich habe aufgehört danach zu fragen, warum meine Mutter nur bei Aldi einkauft und obwohl ich ihr das alles inzwischen einfach nur „gut“ vorlebe und gar nicht mehr mit dem Zeigefinger auf ihr Gewissen einhacke, bringt es nichts. Jedes Mal wenn ich wieder komme, gibt es Kaffee Pads von Aldi. „Er schmeckt mir!“, „Nicht jeder hat dieses Luxusbedürfnis nach diesem ganzen teuren nachhaltig ökologischen Zeug!“ Das war ihre Antwort auf die früheren Diskussionen. Damals als mein Espressokocher noch im Kriegsgebiet Familienküche, neben der Padmaschine demonstrativ, den fair ökologischen (millionen fach besser schmeckenden) BIO Kaffee zu einem Genuss erster Klasse verwandelte.
Heute – heute sitze ich hier und genieße ebenfalls einfach nur den schlecht schmeckenden Kaffee, denke an den nächsten Morgen wieder in meiner eigenen Küche und an meinen geliebten Esspressokocher.
Ich schreibe diese Zeilen, denn mir ist genau an diesem Wochenende, bzw. heute Morgen, bei meiner Tasse Kaffee bewusst geworden, was mein Beitrag zur Slow Food Youth Akademie eigentlich bedeutet. Warum ich dabei bin, obwohl ich kaum etwas verstehe und nach zwei langen Nächten und meiner nicht wirklich bewältigten katastrophalen Zettelwirtschaft zum globalen Handel, immer noch ein verständnisloses Brummen und Summen im Kopf verspüre. Der Kreis will sich für mich einfach noch nicht schließen.
Ich komme aus einer Familie, in der Essen einen komplett anderen Stellenwert hat. Einen Stellenwert, den wenige von euch wahrscheinlich tolerieren und verstehen werden. Ich bin mit Aldi großgeworden und in den Küchen meiner Familienmitgliedern füllt Aldi die Regale, Plastikverpackungen die gelbe und Essensreste die braune Tonne, Fertigprodukte das Kühlschrankfach. Und all das wird genau so weiter bestehen bleiben. Obwohl ich anders denke! Obwohl ich nun Köchin bin. Obwohl meine Schwestern und ich, bei jeder Aktion ob foodsharing, Slow Food, Plastikfrei leben, …. genau das Gegenteil vorleben.
Man kann in gewissen Situationen mit dem gehobenen Zeigefinger auf andere einreden, Diskussionen vortragen, Wissen vermitteln, es „besser vorleben“ und zeigen, wie einfach oder unkompliziert, „bewusster“ Leben funktionieren könnte. Tja – ob es angenommen wird?! ….
Wir sind sehr bewusst aufgewachsen. Wir hatten kein Auto, waren immer in der Natur, sind nie geflogen, sondern nur mit der Bahn oder dem Rad in den Urlaub gefahren, haben selbst die Einkäufe zu dritt mit Bergen an Stoffbeuteln nach Hause getragen. Auch das ist eine Art von Beitrag zur Umwelt. Auch das ist ein kleiner Schritt.
Ich habe meine Mutter immer wieder zu Recht gewiesen und mich im Prinzip auf eine andere Ebene gestellt. Der Ebene der „Besserwisserin- der Umweltbewussteren“ Ich habe ihr nicht zugehört und ihre Sicht der Dinge nicht verstehen wollen. Kurz gesagt: Ich habe ihr weder Respekt noch Toleranz entgegen gebracht, obwohl ich das als eines meiner wichtigsten Haltungen gegenüber Menschen empfinde.

Für mich habe ich aber im Laufe der Zeit begriffen, auch im Laufe meiner Ausbildung, in den vielen Küchen, in denen ich unterwegs war, dass ich JEDE Art von Meinung und Haltung toleriert werden, ich jedem Menschen mit offenem Herzen zuhören muss. Was ich davon halte, das darf ich in meinen Augen, für mich selbst widergeben. Aber nicht als Anklage oder kritische Gegenfrage.

Es gibt viele, sehr – sehr viele „einfache“ Menschen in unserem Land, die kein so riesiges Wortspektrum besitzen, wie zum Beispiel ein Professor oder ein junger aktionärer Student. Für viele sind die Worte begrenzt und auch oft ihr Fachwissen in Bezug auf all die Problematiken der Umwelt. Ich schließe mich damit auch in den Kreis der „einfachen“ mit ein, denn für mich, obwohl ich mich auch sehr oft mit den Fragen; „Wo kommen z.B. die Bananen her?“, „Wie fair ist eine „fairtrade“ Banane?“, „Was kann ich tun um fair, ökologisch und nachhaltig einzukaufen?“ – doch für mich ist der globale Handel ein Fremdwort. Ein Themengebiet, auf dem ich nichts konkretes sagen und mich, für mein vielleicht auch manchmal falsches Verhalten in diesem System rechtfertigen kann. Und wenn nicht ich – wie soll es dann ein Kollege aus dem Kosovo können, der weder gut deutsch – noch jemals in seiner Jugend und seinem Leben sich diese Art von Fragen gestellt hat? Mein Kollege musste mit 18 im Bürgerkrieg aus seinem Haus flüchten und drei Monate im Wald in Angst und Schrecken um sein Leben bangen. Er hat andere Dinge durchlebt und hat andere Sorgen und Ängste. Er ist 37 und kauft bei Aldi ein – warum? Weil er in einer Welt groß geworden ist, in der der Kühlschrank leer war. Wo es gar keinen Kühlschrank gab. Wo Lebensmittel Luxus waren. Wenn es dir dann besser geht – würdest du dann nicht auch einfach nur das vielfältige Angebot annehmen und genießen? Dass alles verfügbar ist, und vor allem für einen Preis, den sich auch ein Spüler gerade mit dem Mindestlohn leisten kann? 

Die Frage die mich seit meiner Rückreise begleitet und so unglaublich bereichert hat ist diese: „Was würdest du tun, wenn du keine Angst in dir hast?“
Was hätte Herr Cramer gesagt? Was würde er verändern, wenn er keine Angst hätte, dass er keinen Gewinn mehr macht und Mitarbeiter dafür entlassen müsste? Was Herr Thiedig, wenn er keine Angst gehabt hätte, dass er in einem weiteren Jahr, mit dem Versuch, ausschließlich BIO Fleisch in der Mittelklasse anzubieten, zu viele Kunden verlieren würde? – Wir haben ihnen nie diese Frage gestellt. Vielleicht hätten wir ganz viele tolle Ideen und Geschichten gehört und einige von uns hätten daraus eine Menge Potenzial und Aufgaben für ihren Bereich rausnehmen können.
Unsere Aufgabe sollte es sein, den Menschen die Angst zu nehmen und anstelle der Angst Vertrauen zu pflanzen. Welcher Sänger singt nochmal: „Was wir alleine nicht schaffen, das schaffen wir dann zusammen?!“ – Xavier Naidoo? Ist das nicht auch ein guter Slogan für Slow Food und gerade für uns „Changemaker“? Ist das nicht auch globaler Handel? Irgendwie – so ganz entfernt im Großen und Ganzen?
Ich glaube wir müssen offener für jede Lebenssituation sein. Und wenn es in unserem Umfeld nur Gleichdenker gibt, dann müssen wir raus ins Leben und zuhören – ohne den Zeigefinger und ohne unseren (guten) kritischen Gedanken. Manchmal hindern uns genau diese Gedanken daran, die Welt besser zu verstehen und unsere Aufgabe in der Welt zu finden. Ich glaube, dass ein fairerer Handel nur dann funktionieren kann, wenn wir Vertrauen aufbauen. Zu jedem! Egal ob arm, reich, gebildet, schwarz, weiß, glücklich oder verzweifelt. Wir müssen zuhören, aufnehmen, verstehen, und aus jeder Lebensgeschichte einen kleinen Teil rausnehmen, den wir für diese Person vielleicht in ganz kleinen Häppchen besser machen können.

Deshalb kaufe ich heute auch eine Packung Kaffepads aus dem „eine Welt Laden“ und stelle sie hinter die letzte Packung BIO Aldi Kaffe Pads in den Schrank. Einfach so, weil es mir nicht weh tut, weil meine Mama das wahrscheinlich gar nicht merkt und wenn doch, dann ist das auch okay. Dann wird sie den Kopf schütteln und lächeln, denn ich hab ihr ja nur ein (etwas besseres) Geschenk gemacht.
Einfach so, denn die vielen kleinen Momente im Alltag sind manchmal auch die schönsten, wenn wir unser kritisches Denken aus und das Herz anschalten. (Lächeln)

Annika Nowotny ist Köchin und Teilnehmerin der Slow Food Youth Akademie 2018