Herbst Netzwerktreffen 2018 – Fulda

Es hat schon was von verfrühter Weihnachtsstimmung: Als wir, die Stuttgarter Dreier-Gruppe, am Freitag Abend aus der schon winterkalten Fuldaer Nachtluft ins gedämpft beleuchtete Café-Restaurant Ideal treten, und die anderen Slow Foodies am Ende des hohen Raumes entdecken, ist die Wiedersehensfreude groß.

Alle scheinen in der gleichen, fast schon feierlichen Stimmung: endlich wieder (oder auch zum ersten Mal) unter einem ganzen Pulk von engagierten Slow Foodies, endlich wieder ein paar Tage den Spaß am Genießen kombinieren mit der Lust daran, die Welt zum Besseren zu verändern!

Einer Bericht von Philipp Schlittenhardt

Freitag

 

Heute Abend geht es, für viele nach einigen Stunden Anreise, erst einmal darum, sich (besser) kennenzulernen – besonders wichtig auch deshalb, da jedes Mal auch eine ganze Menge neuer Gesichter dabei ist, die ihre ganz eigene Persönlichkeit, Erfahrungen und Ziele in die Arbeit einbringen werden. Wir setzen uns in gemischten Gruppen zusammen, rätseln beim Quiz über die summierte Körpergröße aller Teilnehmenden (> 40 m), deren Altersspanne (20-36) und durchschnittliche Schuhgröße (42).
Bei Bier, Wein und regionalem Flammkuchen mit Musik (= Handkäse und Zwiebeln) kommen wir uns schon einmal näher, die Stimmung ist ausgelassen, und unter den schon länger Beteiligten macht sich ein Gefühl von Heimkommen breit. Irgendwann sind wir die Letzten im Ideal, die Kellner*innnen wienern schon die Theke… Wir brechen auf, ein paar Versprengte verschlägt es noch in die Studentenkneipe ums Eck, das „Im Eck“, der Rest umarmt schon einmal das Kopfkissen, um für‘s volle Programm der nächsten beiden Tage Kraft zu tanken.

Samstag

Morgens wird erst einmal gefrühstückt – entweder in den WGs und Wohnungen bei den herzlichen Gastgeber*innen der Fuldar SFY-Gruppe oder direkt in den Räumen der Evangelischen Studierenden Gemeinde Fulda, die wir freundlicherweise für unserer Treffen nutzen dürfen. Nachdem alle eingetroffen sind und sich in einem kurzen Warm-Up noch einmal vorgestellt haben, werden die Kochgruppen für den Abend eingeteilt. Nach dem Zufallsprinzip werden vier Gruppen zusammengewürfelt: Vorspeise, erster Gang, zweiter Gang und Dessert. Damit wirklich alle sich in der Menüfolge wiederfinden, entscheiden wir, vegetarisch zu kochen, jeweils mit veganer Option.

Auf dem Fußmarsch durch den trüben Fuldaer Morgen zum Wochenmarkt entspinnen sich erste leidenschaftliche Diskussionen: was kann bei 20 Köchen/30 Essern, aber kleiner Küche, überhaupt auf den Tisch kommen, welche Gruppe beansprucht welche saisonalen Zutaten, geht Suppe überhaupt als erster Gang durch, usw….

Vor Ort angekommen erhalten wir, noch vor dem Einkauf, von der Fuldaer Gruppe fachkundige und detaillierte Infos zu den Highlights des Wochenmarkts: wir erfahren, wo der Bio-Gemüsebauer Werner zu Hause ist, wie der Erzeugerverband FuchsHöfe arbeitet, der Bio-Käse und -Milchprodukte direkt vom Käser/der Käserin anbietet, und warum der Bäcker Reichardt mit seinem Backwarenstand die Teige lange führt und auf jegliche Zusatzstoffe verzichtet.

Zurück im Tagungsraum, es ist mittlerweile Mittag, werden die von den Teilnehmenden mitgebrachten Spezialitäten und Eigenproduktionen verkostet. Selbst gebackenes Zwiebelbrot, Mangoldquiche, geräucherte Schwarzwurst und Rosmarinsalami, schmackhafte Käse, Quittenchutney, selbst gepresster Apfelsaft, diverse Aufstriche und vieles mehr… alles köstlich und eigentlich viel zu viel, um alles zu probieren, aber zumindest den Versuch will sich Keine/r nehmen lassen!

Mit vollen Bäuchen und nach einem weiteren Warm-Up geht es danach in die Gruppenarbeit: Zu den fünf Themen Pressearbeit, Social Media, Gründung einer Slow Food Youth-Gruppe, Konkrete Umsetzung von Aktionsideen sowie Finanzen und Fundraising stellen Expert*innen aus unserem Netzwerk Schritt-für-Schritt-Toolkits vor. Sie erklären, wie sich die Arbeit ihren Erfahrungen nach anpacken lässt und lassen dabei viel Raum zum Diskutieren und zum Beantworten der konkreten Fragestellungen. Die Toolkits werden in naher Zukunft in digitaler Form auf Confluence, unsere Online-Plattform, eingestellt.

Im Anschluss eine kurze Pause, etwas Kaffee tanken, dann sprechen einzelne Aktivist*innen, nun wieder im großen Kreis, über spannende Projekte aus Ihren SFY-Gruppen. Sebastian berichtet vom politischen Suppentopf in Hamburg-Wilhelmsburg, einer derzeit in der Planung befindlichen Veranstaltungsreihe von Minitopia, Slow Food und Slow Food Youth. Dabei werden Podiumsdiskussionen mit großem Mitmachfaktor zu den Nachhaltigkeits-Themen „Insekten als Nahrungsmittel“, „Fisch“ und „Plastikmüll im Meer“ jeweils mit passenden Erzeugerbesuchen kombiniert.

Die Youth-Gruppe Fulda berichtet von ihrer erfolgreichen Workshopreihe Plastikfrei, in der aufgezeigt wird, welche Alternativen sich zu Plastik im Haushalt und in der Kosmetik bieten. An verschiedenen Stationen können die Workshop-Teilnehmenden hier praktisch erfahren, wie sie selbst plastikfreie Produkte herstellen können, zum Beispiel wiederverwendbares Wachstuch zum Abdecken und Einwickeln von Lebensmitteln statt der allgegenwärtigen Cellophanfolie.

Ein weiterer kurzer Break folgt, dann steht die Arbeit zu den konkreten Slow Food Youth-Deutschland-Projekten im Mittelpunkt. Wieder teilen wir uns in Gruppen auf. Das Calendarium Culinarium von SFY Deutschland, der ästhetische Saisonkalender im Posterformat, wurde in Rohform auf der diesjährigen Terra Madre präsentiert. Mittlerweile wurden die Obst- und Gemüsesorten festgelegt, die auf dem Kalender landen werden. Jetzt geht es an die konkrete Ausarbeitung: ein Budget- und Kostenplan muss erstellt, der Vertrieb geklärt und die fehlenden Inhalte recherchiert werden.

Zur „Wir haben es satt!“-Demo am 18.-20. Januar 2019 in Berlin sammeln wir Slogans, überlegen uns eine einheitliche, medienwirksame Kostümierung, einen Ablaufplan zum Einüben der Slogans, Basteln der Plakate,… Auf Grund der Ergebnisse sind wir uns jetzt schon sicher: Das wird eine gute Demo!

In Zukunft soll Slow Food Youth auch im Slow Food Magazin stattfinden: dadurch wollen wir potentielle neue Mitglieder erreichen, ein Bewusstsein für die politische Dimension von Slow Food schaffen und zum Mitmachen und Engagieren anregen und motivieren. Wir entwickeln den Aufbau der SFY-Seite im Magazin, diskutieren über die Schwerpunkte und legen die möglichen Themen fürs erste Jahr fest.

Auch zum „World Disco Soup Day (WDSD)“ am 27. April 2019, an dem SFY-Gruppen weltweit Schnippeldiskos organisieren werden, um auf das Problem der Lebensmittelverschwendung aufmerksam zu machen, wollen wir in Deutschland die EU-Agrarpolitik in den Mittelpunkt rücken. Schließlich ist knapp einen Monat danach EU-Wahl! Und die nächste Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) winkt schon am Horizont. Hierzu werden nun Inhalte gesammelt, die sich leicht verdaulich und quasi nebenbei am WDSD verständlich machen lassen.

Eine einfache Vermittlung von Slow Food-relevanten Themen liegt ebenfalls der Arbeitsgruppe Genuss ohne Barrieren am Herzen. Auch für Menschen mit Migrationshintergrund, Lernschwächen oder Behinderungen sollen die Slow-Food-Inhalte hinter den Schlagworten „Gut, sauber und fair“ zugänglich gemacht werden.

Im nächsten Frühsommer freuen wir uns schon auf das „Wir haben es satt!“-Jugendfestival am 20.-23. Juni 2019 für junge Leute, die sich für nachhaltiges Essen und Ernährung und deren Herstellung interessieren. „Meine Landwirtschaft“ organisiert, wir als SFY wollen uns aktiv beteiligen, zum Beispiel mit verschiedenen Workshops und Diskussionsrunden.

Die Köpfe rauchen, aber alle freuen sich schon auf die Fortsetzung der Projekt-Arbeitsgruppen am nächsten Tag. Es ist noch lang nicht alles gesagt! Jetzt geht es aber erst einmal ans Praktische: der ganze Tross walzt Richtung Studierenden-Café Chaos, wo wir heute Abend kochen und genießen wollen. An den Tischen wird die Ausbeute vom Wochenmarkt geschält und geschnitten, gehackt und gewürfelt. In der kompakten Küche dampft es bald in den Töpfen und aus den Öfen. Auf den Tellern landen nacheinander Carpaccio von der Roten Beete an Ackersalat und Apfel-Sellerie-Würfeln mit Walnussdressing; Topinambursuppe mit Röstbrot; Pimpernellen-Petersilien-Pesto und Schmandflocke, buntes Ofengemüse mit Kräutercrème und, zum Dessert, Granola-Kürbis-Crème brulée. Die Kochgruppen haben sich ins Zeug gelegt, alles saisonal, kreativ und schmackhaft, der Saal wird schnell beschickt, auch optisch machen die Gerichte was her, eine runde Sache! Noch runder wird das Ganze dann durch die Vorführung eines Dankeschön-Videos aller Beteiligten an unser aller Lieblingskoordinatorin Louise. Ein paar Tränen der Rührung fließen, Volltreffer!

Um Mitternacht räumen wir zusammen, wir müssen leider raus aus dem Etablissement. Um wenige Früh-ins-Bett-Geher reduziert, crashen wir daraufhin die Fuldaer WG-Party eines Bekannten. Auch hier beweist sich wieder, was schon bei der Übernachtung in den Wohnungen der SFY-Fulda-Mitglieder offensichtlich wurde: die Fuldaer sind die liebenswertesten Gastgeber*in, die wir uns vorstellen können. Vom Partyorganisator, der selbst mit SFY überhaupt nichts am Hut hat, werden wir, mehr als 15 Leute, wärmstens empfangen, und das, obwohl die Polizei schon zwei Mal da war, und wir dürfen uns ansatzlos unter die sympathischen Feiernden mischen!

Sonntag

Am nächsten Morgen geht’s, anfänglich etwas gerädert, weiter. Nach ordentlich Kaffee und einem weiteren Warm-Up vertiefen wir die Arbeit in den einzelnen Projekt-Arbeitsgruppen. Danach stellen wir die Ergebnisse der Gruppen vor, die oben schon kurz angerissen sind. Trotz der langen Nacht sind wir ziemlich euphorisch, ein ganzes Stück weitergekommen zu sein! Anknüpftermine für alle Arbeitsgruppen sind vereinbart, Telefonkonferenzen schon geplant, ein Wiedersehen spätestens bei der WHES-Demo in Berlin im Januar sicher. So kann’s weitergehen!

Nach einer positiv-konstruktiven Feedbackrunde geht’s dann leider schon ans Aufräumen, Saugen und Wischen, das, wie schon das ganze Wochenende, trotz erster Ermüdungserscheinungen vorbildlich solidarisch abläuft. Während die Leitung, die das Wochenende zusammen mit den Fuldaern wirklich wieder bestens organisiert hat, in geschlossener Runde rekapituliert, werden letzte Infos, Lacher und Umarmungen ausgetauscht, bevor es mit Fahrrad, Bus, Bahn und Auto wieder in die heimischen Gefilde geht. Für den Kopf, für‘s Herz, für die Seele und den Magen war wieder reichlich was dabei, die volle Motivationsspritze, wir freuen uns auf die weitere Arbeit und auf‘s nächste Mal!

 

Bilder: © Slow Food Youth Archiv