Denken, Schmecken, Welt Bewegen beim Vernetzungstreffen

Slow Food Youth Netzwerktreffen, Altenkirchen, 2.-5. Juni 2017

Das Wochenende steht vor der Tür. Während halb Deutschland an Pfingsten Richtung Nord- oder Ostsee unterwegs ist, die Wanderstiefel schnürt und die Räder rausholt, bereite ich mich auf eine Fahrt in den Westerwald vor. Bei mir kommen weder Badehose noch Schlauchboot ins Gepäck, dafür Rote Beete, Zuchini, Äpfel und original Kölner Blutwurst. Mein Ziel ist das Netzwerktreffen von Slow Food Youth Deutschland.

Mit Zug oder Auto kommen wir am Freitag aus allen Himmelsrichtungen in der Evangelischen Landjugendakademie in Altenkirchen an. Ich war im letzten Jahr nicht dabei, bin zur Zeit in keiner lokalen Gruppe aktiv und daher gespannt auf wen ich hier treffe. Dieses Jahr sind Vertreter der Gruppen aus Hamburg, Hannover, Berlin, Münster, Köln, Fulda sowie „Einzelkämpfer“ und junge Convivien Mitglieder aus Stuttgart, Leipzig und Bonn angereist. Ganz besonders freuen wir uns über zwei Teilnehmer von Slow Food Youth Schweiz.
Wir vernetzen uns – Deutschland, Europa, weltweit

Wir kommen nicht oft in so großer Runde zusammen, daher ist die Zeit bei einem gemeinsamen Wochenende sehr kostbar. Ich sehe viele neue Gesichter, aber auch vertraute Personen, die schon mehrere Jahre bei Slow Food aktiv sind. Der Tag startet, wir lernen uns kennen, bringen uns auf den neusten Stand. Von Münster bekommen wir einen Bericht über das Food Film Festival und freuen uns über das Vorhaben das Slow Mobil nach Westfalen zu bringen. Aus Köln erfahren wir, dass dort kulinarische Stadtführungen von Slow Food Youth Mitgliedern erfolgreich angeboten werden, in Berlin wird Know-How über Lebensmittel bei Recipeople-Treffen weitergegeben und in Hannover ist der Schnippeltalk von Maike wie immer gut besucht. Die erste Runde der Slow Food Youth Akademie ist Anfang des Jahres gestartet. Mizzy, Lea und Janina erzählen uns, wie sie das Programm als Teilnehmer erleben. Timmothy und Emanuel stellen uns Slow Food Youth Schweiz vor bringen mit dem Calendarium Culinarium ein Projekt mit, dass auch in Deutschland funktionieren und Geld für das Netzwerk einbringen könnte. Wir sind per Skype mit Jorit vom Slow Food Movement in den Niederlanden verabredet. Er erklärt uns, wie unsere Nachbarn ihre Arbeit professionalisiert haben und erfolgreich Sponsorengelder gewinnen. Außerdem gibt er uns Einblick in die internationale Arbeit des Netzwerk. Das nächste große Event steht nämlich schon kurz bevor. Delegierte aus der ganzen Welt treffen sich in diesem Jahr in China. Auch die Jugend ist natürlich vertreten und will Einfluss auf die diskutierten Themen nehmen.

 

Wir lernen von uns und anderen – Input

Wir lernen nicht nur von anderen Mitgliedern wir lernen auch von extrenen Referenten. Hans Georg Pestka berichtet über seinen persönlichen Weg zum eigenen Food-Business. Er erzählt, wie er es schafft mit dem Online-Handel genusshandwerker.de qualitativ hochwertige Produkte frisch an die Kunden zu bringen. Besonders begeistert uns die Verpackung, die mit Stroh statt Storopor isoliert wird und die Ware frisch hält.

Mehr über die Qualität von Lebensmitteln und die Kriterien bei Slow Food erfahren wir von Franz Pozelt. Er ist in der Slow Food Kommission für Qualitätskriterien und der Slow Food Messe aktiv. Somit der perfekte Ansprechpartner für all unsere Fragen. Als gelernter Brauer, hat er uns außerdem noch verschiedene Biere mitgebracht, die wir nach dem Vortrag verkosten dürfen. Gelernt und geredet wird auch über den Boden, der uns Leben und Essen schenkt und doch so lieblos von den Menschen behandelt wird.

Axel Dosch von der Landjugendakademie und studierter Agrarsoziologe übernimmt diesen Part und stellt uns auch den aktuellen Bodenatlas vor. Wer dem Boden helfen möchte kann sich bei der Kampagne People4Soil engagieren, die uns von Marie und Louise näher bringen. Karen Schewina von Aktion Agrar hält einen Vortrag über Fusionen und Konzernmacht und diskutiert mit uns über Gefahren von Monopolen bei Saatgut und Pestiziden.

Puh, soviel Input. Ist das nicht zu trocken? Ehrlich gesagt, keiner der Vorträge war trocken oder langweilig. Es hat super Spaß gemacht neue Aspekte zu den Themen zu lernen. Das einzige Dilemma war wie immer die Zeit. Wir hätten zu jedem Thema noch lebhaft und über Stunden diskutieren können. Eben weil es uns Spaß macht und es toll ist, sich mit anderen auszutauschen, denen Themen wie Lebensmittelhandwerk, Versiegelung von Boden, Hybridsaatgut oder Ernährungssouveränität wirklich am Herzen liegen.

Wir schnippeln, kochen und genießen – Geschmackserlebnisse

Geht es eigentlich auch ums Essen oder wird hier nur geredet? Ich habe es jetzt schon einige Male erlebt und es ist immer wieder faszinierend. Man packe ein paar Slow Food Mitglieder in einen Raum, gebe ihnen eine Tüte voll Lebensmitteln und sie bereiten ohne Absprache, Plan oder Rezept eine herrlich, bunte und leckere Tafel zu. Und so ist es auch diesmal. Fast jeder der 20 Teilnehmenden hat ein paar Spezialitäten aus seiner Region dabei. Hinzu kommt Gemüse der eigenen Solawi, vom lokalen Bauern oder gerettet aus dem WG-Kühlschrank. Ich übergebe meine Blutwurst vertrauensvoll an Ingo und liefere mein Gemüse bei Tim ab. Denn ich nutze die Chance und melde mich für die Herstellung von Blätterteig. Lea, die gerlernte Konditorin ist, hat dafür alle Zutaten mitgebracht und zeigt uns wie es geht.

In der ganzen Küche wird geschnitten, gekocht und über Zubereitungsweisen philosophiert. Auch ein zwischenzeitlicher Stromausfall kann uns nicht aufhalten. Der Kühlschrank funktionert noch und das Bier ist kalt. An dieser Stelle vielen Dank an die Finne Brauerei aus Münster, die uns ein paar Kisten Bio Craft Bier gesponsert hat.

Es ist ca. halb zehn als alle Gerichte auf dem Tisch stehen. Der Hunger ist groß. Trotzdem stürzen wir uns nicht auf das Essen, denn wir wollen wissen, was dort gezaubert wurde, wo es herkommt und wer es zubereitet hat. Es geht reium. Wir haben dort u.a. (die Liste ist nämlich lang…) Knappwurst aus Hannover, Lammzungencarpaccio, korsischen Schinken und Ziegenkäse, Ofengemüse mit Wildkräutern und Blüten, westfälisches Kartoffelbrot mit vegetarischer „Wurst“ aus der Alblinse, Edelpilzen und Beerenchutney, Pesto von Radischengrün. Noch ein gemeinsames „Piep, piep, piep“ und wir fangen tatsächlich an zu essen. Nach kurzter Zeit setzt eine seelige Stille ein und wir genießen einfach nur gemeinsam. Beim Dessert angekommen sind auch die Gespräche wieder im vollen Gange. Nachdem Franz uns noch ein paar Biere von rauchig bis kaffee-ähnlich vorgestellt hat und nun wirklich jeder von der Vielfalt dieses Nationalgetränkes überzeugt ist, genießen wir zum Nachtisch Eis und Musmehl-Gütze mit Joghurt, die so großzügig portioniert ist, dass wir sie noch zwei Tage zum Frühstück genießen dürfen.

Wir kneten, backen und shaken – Auf dem AnnA Hof

Martina Müller heißt uns am Sonntag auf dem AnnA Hof wilkommen. Hier werden nach Bioland-Richtlinien nachhaltig Linsen angebaut und Leinöl hergestellt. Wir haben uns vorgenommen Martinas neuen Holzofen zu testen und kneten zusammen Linsen-Zwiebelbrot. Eine andere Gruppe kümmert sich weiter um den Blätterteig, der noch ein paar Touren braucht. Später entsteht daraus Spargel-Reste-Kräuter-Quiche, Zimtschnecken und Apfeltarte. Wer noch nie selbstgemachten Blätterteig gegessen, es ist köstlich! Alles wird nacheinander auf die heißen Steine in den Ofen geschoben. Max behält mit seinem Timer die Übersicht.

Als alle satt sind, läd uns Lea noch zu einem kleinen Cocktailworkshop. Uns wird schnell klar, dass wir es hier mit einer Expertin zu tun haben. Mit biologisch produziertem Gin aus dem Unternehmen Gin Luum, lernen wir, wie man Aronia infused Highball und Gin Gurke Holunder Smash zubereitet. Der praktische Teil des Workshops verteilt sich anschließend über den ganzen Abend.

Wir übernehmen Verantwortung – Neue Youth-Leitung

Wie funktioniert die Kommunikation innerhalb des Netzwerkes? Was könnte besser funktionieren? Was können wir umstrukturieren? Wie können wir die Leitung entlasten? Wie wird unser Newsletter angenommen? Wie sieht die Zukunft des Netzwerkes aus? Wie können wir neue Mitglieder werben und halten? Wie können wir Slow Food und Beruf verbinden? Mit diesen und weiteren Fragen haben wir uns an diesem Wochenende auch auseinandergesetzt. Mal in der großen Runde, mal in Kleingruppen. Es wurde intensiv gearbeitet und vorgetragen. Best-Practice wird weitergegeben, z.B. wie die Struktur eines Monatstreffen aussehen kann. Neue Ideen sind entstanden wie der Beruf des Food-Scouts nach Slow Food Kriterien.

Wir alle stecken Zeit und Arbeit in unser Engagement. Besonders viel Zeit und Leidenschaft ist nötig um eine der Leitungspositionen zu besetzen. Umso mehr freuen wir uns, dass sich auch in diesem Jahr ein tolles Team zur Wahl stellt. Zu Lea Leimann (Köln) und Marie Pugatschow (Hamburg), die schon seit letzem Jahr in der Leitung sind, kommt Rosa Diekmann (Münster) hinzu. An Larissa Cunningham, Sebastian Lindner und Christian Kallinish geht ein herzliches Dankeschön für die Arbeit im vergangenen Jahr. Die neue Leitung freut sich natürlich über Input, Anregungen und Mitarbeit in allen Bereichen.

Also aktiv werden!

Wir verabschieden uns – Ende des Netwerktreffens

Am Montagnachmittag haben schließlich alle ihre Koffer gepackt und wir verteilen die übrigen mitgebrachten Lebensmittel und Getränke. Wir sitzen in der Sonne auf dem Rasen und würden am liebsten die Zeit kurz anhalten, bevor es zum Bahnhof und auf die Autobahn geht. Ich lasse das Wochenende revue passieren, freue mich darüber dabei gewesen zu sein, bin gespannt darauf, was wir von dem besprochenen umsetzen können und überlege mir für nächstes Mal ein besseres Versteck für das Kontakto-Spiel.

Text : Gerda Moritz

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